*EDITORIAL, Gesellschaft, Niederlande

L’histoire se répète

20. June 2010

L’histoire se répète – Ethnorassismus und Sprachstigmatisierung in den Niederlanden

[by Asisa] Es gilt als verpönt, Geert Wilders mit Adolf Hitler zu vergleichen. Verständlich, immerhin will sich kaum jemand mit anderen Menschen verglichen wissen. Immerhin sind wir alle Individuen und legen Wert auf unsere einzigartige Einzigartigkeit. Ich frage mich zwar stets, ob es sich bei den Kritikern dieses Vergleichs um Freunde des sachlichen Diskurses handelt oder aber um gekränkt aufschreiende PVV-Wähler. Will mir aber nie einer sagen, welches der beiden Motive ihn antreibt. Ist aber auch ganz egal. Ich halte es am Ende des Tages auch lieber mit sachlichen Erörterungen. Und für diese gibt es ausreichend Fakten, deren Hinterfragung keinesfalls müßig ist.

Fakt ist: Geert Wilders Wahlprogramm beinhaltet mit der sogenannten „ethnischen Registrierung“ eine formal wie inhaltlich diskriminierende Maßnahme neorassistischer Couleur, nach der alle in den Niederlanden lebenenden Menschen hinsichtlich ihrer Abstammung zentral erfasst werden sollen.

Formal liefern die Pläne der PVV damit ein greifbares Beispiel perfidester Stigmatisierung von Sprache auf alle Zeiten.

Wahlprogramm PVV

Untersuchungen, die unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit über Jahrhunderte die Existenz einer biologisch definierten Hierarchisierung von Volksgruppen im Sinne menschlicher „Rassen“ zu beweisen versuchten, mussten zwar aufgrund fehlender wissenschaftlicher Grundlagen immer wieder verworfen werden, doch fuhr man trotzdem bis ins 20. Jahrhundert fort, auf der Basis der Rassenkonstruktion den Beweis für die Minderwertigkeit bestimmter Volksgruppen zu liefern, was schließlich in der Ideologie des Nazi-Deutschlands gipfelte.

Erst mit Einzug der Ethnologie als Wissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts gelang mit der kulturellen Erfassung von Volksgruppen eine Befreiung vom Rassenkonstrukt. Diese Loslösung fand nach und nach ihre sprachliche Reflexion mit der zunehmenden Anwendung des Begriffs Ethnie – eine Entwicklung, die bedauerlicherweise bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen ist. Noch immer richtet sich der Fokus auf phänotypische Merkmale, und noch immer findet diese Wahrnehmung ihre sprachliche Entsprechung durch die Anwendung des Wortes Rasse. Und das, obwohl mittlerweile selbst der Begriff „Hunderasse“ als Ordnungskriterium seine Bedeutung verliert, nachdem sich gezeigt hat, dass die Gefährlichkeit bestimmter Hunde nicht in ihrer biologischen Herkunft liegt, sondern einzig auf die Erziehung und Haltung durch den Menschen zurückzuführen ist.

Die Veränderung einer Jahrhunderte alten Wahrnehmung wie jene der Klassifizierung von Volksgruppen aufgrund äußerlicher Erscheinungsmerkmale, braucht also viel Zeit. Der sprachliche Widerhall dieser Veränderung benötigt noch länger. Und weil Sprache Realitäten schafft und damit unsere Wahrnehmung bestimmt, darf Sprache niemals als isoliertes Peripheriegebilde bagatellisiert werden. Stattdessen gilt es, das Bewusstsein für diese fatale Reziprozität kontinuierlich zu schärfen.

Die inhaltliche Diskriminierung dieser „ethnischen Registrierung“ bedarf keiner weiteren Erklärung. Hony soit qui mal y pense: Wer eine zentrale Erfassung ethnischer Zugehörigkeit in einem Atemzug mit massiver Polizeipräsenz fordert, könnte doch zur Erleichterung des Ganzen gleich die ethnische Identität auf den Ärmel sticken lassen als festen Datensatz in den Personalausweis einfügen.

Meine traurige Wut über die neorassistischen Entwicklungen in Europa, die keineswegs ein exklusiv niederländisches Problem darstellen, gründet auf der Verquickung all der beschriebenen Ereignisse und Umstände. Noch bevor wir uns vom Rassenbegriff und seiner vertikalen Ideologie befreien konnten, sind bereits die Weichen für die Zerstörung des bis eben noch unbefleckten, Kulturbegriffs horizontaler Unterscheidung gelegt. Stärker noch: Noch bevor diese eventuelle Registrierung tatsächlich in Kraft tritt, ist der Begriff Ethnie bereits beschmutzt. Es würde nicht wundern, wenn die Wortschöpfer dieser „ethnischen Registrierung“ genau darauf abzielen, ist doch der Hohn in einem ihrer favorisierten Argumente nicht zu überhören, nach der der Wunsch der Gegenparteien am „Multikulti Kuscheln bei einer Tasse Tee“ nichts weiter als eine niedliche Utopie sei.

L’histoire se répète — Die Geschichte wiederholt sich. Angepasst an die Grenzen der Gegenwart — state of the art.

9 Kommentare

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    Reagieren Rob 20. June 2010 at 18:38

    Das großte Problem im heutigem Diskussion ist genau das, womit Du anfangst. Die Vergleichungen mit was man in Deutschland gerne ‘die NS-Zeit’ nennt, drängen sich immer wieder auf aber eine große Gruppe von Holländer – bestimmt nicht nur PVV-angehörigen – will nix davon hören. Und doch schweigen die alle, wenn der Wilders selber mal der Koran mit Mein Kampf vergleicht oder der Islam faschistisch nennt.
    Diese einseitige Verneinung geschichtlich alledings begründbare Vergleichungen resultiert in eine de facto Verweigerung von der Geschichte irgendwas zu lernen.

  • Asisa
    Reagieren Asisa 20. June 2010 at 19:02

    Wenn schon die Niederländer tabuisieren, und ich erfahre es genauso, wie Du beschreibst, kann ich mich dann als Deutsche warm anziehen, wenn ich diesen “kühnen” Vergleich ziehe.

    Tu ich aber nicht. Es soll niemand auf die Idee kommen, mir so zu kommen. Macht aber auch nie jemand, weil sie sich wegen der arabischen Hälfte nicht trauen. Bigott.

    Ja. Das Lieblingsargument der Kritiker:

    “Du willst doch wohl nicht Hitler mit Wilders vergleichen?!”
    “Warum nicht?”
    “Weil er immerhin kein Mörder ist, keine Juden getötet hat usw ….”

    “Nein kann er auch nicht, ist verboten”

    L’histoire se répète – in neuen Kleidern und so weit es nur geht.

    Krise –> Sündenbock. Schlussendlich haben wir nur vordergründig ein NeorassismusProblem und tatsächlich eine instrumentalisierte Wirtschaftskrise, die ein paar Populisten für sich nutzen, einzig und allein, um an die Macht zu kommen.

    L’idiotie se répète.

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    Reagieren arif 20. June 2010 at 19:07

    Ich denke, dass der begriff ethnie auch schon vor Wilders etc teilweise überholt und unzureichend war. Ethnien sind mitnichten objektiv und daher genausowenig wie rassen geeignet um objektiv zu klassifizieren, zu ordnen oder sonstirgendwie macht auszuüben. Ethnien sind subjektive, soziale konstrukte und können darum prima missbraucht werden um schuldzuweisungen zu vereinfachen. Dementsprechend sehe ich den begriff sowieso als befleckt.

  • Asisa
    Reagieren Asisa 20. June 2010 at 19:13

    Da hast Du natürlich Recht. Aber ich habe es bis jetzt noch nicht so explizit erlebt. Das waren Spritzer von Beschmutzung bis dato. Jetzt ist ein Eimer ausgeschüttet worden, finde ich.

    Wer weiß. Vielleicht leitet das jetzt einen Paradigmawechsel ein. Vielleicht schafft diese Misere die Grundlage dafür, dass wir in hundert Jahren ganz auf Unterscheidungskritierien verzichten können.

    Ein schöner Traum fürchte ich.

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    Reagieren arif 20. June 2010 at 19:28

    ja, ein schöner Traum.

    Aber wie meinst du, so explizit hast du es noch nicht erlebt? Übersiehst du nicht allerlei ethnische Säuberungen, Kosovo, Sudan, etc?
    Oder meinst du persönlich erlebt? Persönlich hab ich es tatsächlich auch noch nicht so erlebt. Ich bin übrigens der Meinung, dass die jetzige Regierungsbildung ohne PVV in die falsche Richtung geht. So bekommen sie nur noch mehr Anhänger. Wenn sie schon so viel Stimmen bekommen, dann lieber eine Regierung mit PVV, dann sehen die Leute mal was dahinter steckt. oder ist das zu theoretisch/gefährlich..?

  • Asisa
    Reagieren Asisa 20. June 2010 at 19:50

    Ich meine die ComfortZone der ethnozentristischen Perspektive eines “old European” – für den ist das neu. Natürlich hat es auch schon vor 9/11 Tote gegeben, viel mehr, bei ebenso drastischen Anschlägen, aber es war “neu”, dass es in unserem westlichen, unantastbaren Kuschelnest passierte. Kosovo und Co sind für die Mehrzahl der in Deutschland Lebenden fiktive Feendörfer – in ihrer Empfindung. Wohingegen die Niederlande als realer greifbares Land empfunden werden.

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    Reagieren Kraftmeister 20. June 2010 at 22:22

    L’histoire se répète sich nicht. Ok, Menschen bleiben Menschen und uberall wo mehr als drie Menschen zusammen sind, gibt’s schon ne Gruppe, und deswegen automatisch Arger.
    Aber hier in Holland haben die jetztige Entwicklungen andere Grunden, die nichts mit klassischen ‘Rassismus’ zu tun haben – die meisten Hollander kommen ursprunglich sowieso aus andere Orte, also ‘Rasse’ is die meisten hier relativ Wurscht.
    Die Wut die sich hier bei jede Wahl wieder gelten lasst (mit oder ohne Wilders), ist fur 100%-prozent eine anti-Establishmentstimme. Gegen eine technokratische Gruppe von self appointed ‘Regenten’, die uns 65 Jahre lang vorgeschrieben hat was politisch korrekt und ‘sozial’ war UND das es dabei auch noch notig war um liebst die ganze Planet gegen Kriege und den sicheren Hungertod zu schutzen und deswegen quasi-umsonnst in unserem Mini-Mini-Mini-Landchen ein zu laden. Die Regenten (halb Beambte, halb Politiker) haben zulange ein schiefes Selbstbild von ein ‘tolerantes’ Holland in Ausland verkauft, obwohl sie wusten das ne Menge Hollander schon lange in sogenannten ‘parallellen Gesellschaften’ mehr neben als mit einander lebten. Jahrenlange umgekehrte Diskrimination (reversed racism) hat auch noch ne Menge extra Wut gebracht: mehr Bildungsgeld nach Kinder aus sogenannten ‘schwachen’ Gruppen, absurde Subventionen fur jede exotische oder religiose private Gruppenhobby, usw – Fahrradunterricht fur Turkische Frauen, echt nichts war idiot genug. Du musst wissen, Hollander sind in prinzip Handler/Geldleute. Fur Hollander sind alle Menschen also gleichwertig, es geht doch nur um Wirtschafft/Handel. Und es gibt immo sehr wenig Hollander – auch Hollander die ursprunglich aus Suriname, Indonesien, der Turkei oder andere Lander kommen – die noch Toleranz fur umgekehrte Diskrimination/Bevorzugung durch den Staat haben. Ein Kind ist NICHT ‘schwach’ weil es eine bestimmte Hautfarbe, Rasse oder Religion hat: ein Kind ist ein Kind! Aber das Problem ist: wir haben zuviele sozialchristliche ‘weisse’ Beambte mit ‘schwarzen’ Herzen die noch immer gern umgekehrte Diskrimination ausuben, und sich dabei benimmen alsob sie damit den Letzten der Mohikaner rezzen. Weil je mehr amtliche Unterschiede es gibt, je mehr Geld, je mehr Subventionen, je mehr Beambte. Unser Staat diskriminiert also qualitate qua.

    Dann kurz zur etnische Registrierung:
    1. Die Mehrheit der Hollander und die mehrheit der Hollandische Tweede Kamer ist dagegen, also etnische Registrierung wird nicht platzfinden.
    2. WENN es theoretisch doch platzfinden sollte, kann jede Burgemeister in Holland in Zeiten von Krise die komplette gemeintliche ‘Basisadministration’ in 15 Minuten vernichten (ja, wir haben auch gelernt vom letzten Weltkrieg).

    Also: L’histoire se répète sich nicht. Nur unser Establishment hat Stress. Weil in Den Haag muss man ab jetzt ERST die Bevolkerung fragen was zu tun mit wichtigen Entscheidungen. Und die Bevolkerung will jedenfalls KEIN social engineering und klassischen boom & bust monokulturellen Massenimmigration a la 70-iger/80-iger Jahren mehr. Die Bevolkerung will Gemutlichkeit, Demokratie, Freiheit, Grun und eine gute Wirtschafft. Und wenn das Alles realisiert ist, werden alle Menschen Bruder. O warte: das sinds sie schon! 🙂

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    Reagieren Leo Salazar 21. June 2010 at 13:49

    The essential problem with this plan of the PVV is that it’s simply a list of popular grievance points without any connection to reality.

    Aside from blatant unconstitutionality, they are, in themselves, inherently contradictory. Look, for example, at the less emotional measures than those having to do with ethnicity and race, those having to do with police. Wilders, et. al., calls that police spend 80% of their time visible on the street. Yet at the same time, he calls for other measures that are sure to increase any given policeman’s bureaucratic workload exponentially (such as a massive reorganization and the lowering of the criminal threshold). How should the policemen do this if they’re supposed to be visible? Place their desks on the streets?

    These are simply scare tactics that appeal to the sensational emotionalism inherent in most conservative xenophobes. To read through this list you’d think that the Netherlands was experiencing dramatic increases in crime, especially by “foreigners”. Interesting that exactly the opposite is the case: that crime in the Netherlands is at its lowest levels in decades. Across the board.

    Even though Wilders is a clear threat to a free and liberal democratic state, I’m not going to get too worked up about the individual particulars. To debate his points is to grant him some modicum of legitimacy. I’m not willing to go that far.

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    Reagieren Dybth 23. June 2010 at 17:11

    Guter Artikel ueber Chucky Wilders 🙂

    Ich will ihn oder niemanden mit Hitler vergleichen. Aber als Hitler noch nicht Hitler war, ich meine noch nicht eine Person mit Macht, da hat er auch seine ganzen Hirngespinste an die Wand gemalt.

    Nehmen wir fuer eine Sekunde an, dass es Wilders gut meint. Er hat wirklich keine schlechten Absichten und nichts gegen Muslime. Kann er aber garantieren, dass seine Anhaenger das auch so sehen?

    Wilders ist ein gefaehrlicher geistiger Brandstifter und Schreibtischtaeter. Vielleicht kann sich noch jemand and Moelln, Solingen, Rostock, Hoyerswerda erinnern. Ich meine nicht unbeding an die Taten, sondern wie es dazu gekommen ist. Die Debatten davor, ueber ‘Scheinasylanten’, ‘Asylflut’ usw usf. Die Schlagzeilen in der Boulevard-Presse. Diejenigen, die diese Anschlaege veruebt haben, haben am Ende nur das vollzogen, was unterschwellig suggeriert wurde: Eine Gefahr fuer die Heimat.

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