*EDITORIAL, Gesellschaft, Kunst

No surprise at all

16. March 2012

Authentizität als Provokation — Gedanken zur Rezeption des Werkes von Hester Scheurwater

 

„Manche Reaktionen auf meine Arbeit überraschen mich immer wieder.“

(Hester Scheurwater, 15. März 2012 im Pakhuis de Zwijger)

[by Asisa] Diese Aussage der Rotterdammer Künstlerin Hester Scheurwater überrascht mich immer wieder. Egal, was ich von ihr sehe oder lese: Ich bleibe niemals ratlos zurück. Es gibt immer etwas in ihrer Arbeit, das mich berührt, anspricht, etwas das ich schön finde, etwas, das mir zutiefst bekannt ist. Es kommt immer etwas von ihr an bei mir, wie in einem stillen Dialog, den ich für mich selbst genau verstehe, ohne freilich zu wissen, ob meine Verständnis ihrer Nachricht tatsächlich entspricht, immer vorausgesetzt, es gibt eine Nachricht.

Was es ganz sicher gibt, ist eine Frau mit Tiefe und Verstand. Umso mehr wundert mich, dass sie nicht weiß, was ich glaube, sehr genau zu wissen.

Ich weiß nicht, ob ihre Aussage rhetorisch ist. Ich habe nicht den Eindruck, als würde sie kokettieren, wenn sie ihre Überraschung ausdrückt über die teils heftigen, erbosten Reaktionen auf ihre Bilder oder Filme, in denen Nacktheit zu sehen ist.

Was sie tut, beschreibt sie selbst als

„(…) Übersetzung ihres weiblichen Verlangens in Sexualität und Selbstporträts.“

„Mit meinen Fotos reagiere ich auf die Fake-Bilder, die uns die Medien und die Pornoindustrie zeigen.“

Interview Profielen, 22.02.2011

Auf die schlichte Bemerkung im selben Interview, wonach diese Kontroversen rund um ihr Werk ihr auch zum Vorteil gereicht haben, drückt sie wieder ihre Verwunderung aus:

„Ja, ich habe viel Aufmerksamkeit durch die Medien erfahren und mein Werk in der letzten Zeit ausstellen können. Aber eigentlich bin ich verblüfft darüber, dass meine Fotos so viel Aufmerksamkeit erregen. Schalten Sie mal MTV an. Dort wird in den Clips von Porno gesungen und Porno „gemacht“. Schauen Sie sich die Werbung der Dessousmarken Sapph oder Suitsupply an. Warum all die Aufregung über meine Fotos, auf denen kaum etwas zu sehen ist?“

Die direkte Antwort bleibt aus. Stattdessen wirft sie mehrere mögliche Antworten in Form weiterer Fragen in den Raum:

„Ist das so, weil ich eine Frau bin? Oder, weil es Selbstporträts sind? Weil es nicht kommerziell ist? Sexualität scheint noch immer eine von Männern besetzte Domaine zu sein. Scheinbar empfinden wir es als ein No-Go, wenn eine Frau sich dieses Thema aneignet, es sei denn, sie präsentiert sich als Opfer. Dann ist wieder o.k.“

Ich war heute Abend während der minikurzen Fragerunde im Anschluss an die Präsentation ihres Werkes im Pakhuis de Zwijger kurz davor sie zu fragen, ob sie sich wirklich wundert. Ich hab’s nicht gemacht, weil weder Raum noch Zeit war für eine echte und umfassende Antwort.

Egal. Ich hab die Antwort.

Ja. Ich bin 100 % davon überzeugt, dass das ungeschminkte Auftreten einer Frau, die ihrer Sexualität Ausdruck verleiht, mit einem massiven Stigma besetzt ist, selbst in den urbanen Zentren der vergleichbar immer noch liberalen Niederlande.

Die Sache geht aber viel weiter, beziehungsweise viel weniger weit. Ich glaube, man muss gar nicht so weit gehen, die Antworten auf die „Scheurwatersche Verblüffung“ in geschlechterspezifischen Disbalancen zu finden. Weil der eigentliche Grund weiter an der Oberfläche liegt. Tatsache ist, dass man die gleichen Reaktionen hervorruft, wenn man komplett angezogen bleibt und keinen Ton über Sexualität verlauten lässt.

Der eigentliche Grund liegt in Echtheit. Der Stein des Anstoßes ist Ehrlichkeit.

Sobald ein Mensch echt ist, sich zeigt, wie er wirklich ist, ungeschminkt und rein, löst er heftige Reaktionen aus. Diese Reaktionen bedienen die gesamte Klaviatur menschlicher Emotionen. Sie reichen von tiefer Bewunderung, über Ekel, Hass und Aggression bis hin zu nachdrücklichem Unverständnis und aktiver Gegenwehr.

Wir leben in einer Zeit, in der sich der öffentliche Raum von der physischen Außenwelt in unseren Wohnungen und Häusern digital ausgebreitet hat. In all diesen Räumen treten wir in Erscheinung, um …

… in Erscheinung zu treten. Zu kommunizieren. Sollte man meinen. Würde ein Außerirdischer denken.

Ist das so?

Die Antwort lautet: Auf keinen Fall. Alles, nur nicht das.

Sich zeigen ist exakt das, was das Gros all derer meidet wie die Pest, das in digitalen Räumen auftaucht. Und es geht weiter. Nicht nur, dass sich die Meisten über all das bedeckt halten, was sich wirklich in ihren Leben und in ihrer Gefühlswelt abspielt. Sie kreieren stattdessen regelrechte virtuelle Legenden. So wird die „natürliche“ Rolle, die ein Mensch im traditionellen öffentlichen Raum schon immer gespielt hat, auf Facebook, Instagram und Co über die Maßen verstärkt. Kommuniziert wird im Zuge dessen eine Illusion.

In einer Zeit, die wie keine zuvor über weltumspannende Kommunikationsflächen und Möglichkeiten verfügt, werden Fiktionen ausgetauscht.

Bricht jemand mit diesem Rollenspiel, richten sich alle Blicke sofort auf ihn.

Ich selbst artikuliere nicht meine Sexualität, aber alle anderen Bereiche meiner Persönlichkeit. Ich spreche aus, was ich fühle und was ich denke. Ich tue das nicht aus irgendeinem Grund, sondern, weil es für mich das Normalste der Welt ist. Getan habe ich das schon immer und ich tue es selbstverständlich immer weiter, egal wo und egal wann. Manchmal, ganz selten, bin ich still über etwas, aber mein Sprechen ist trotzdem für viele massiv, irritierend, verstörend, merkwürdig, zum Kotzen, krank oder wunderbar.

Würde ich Bücher schreiben, würde man mich exakt genauso hassen oder lieben, mit all diesen Wörtern, die ich immer höre über mich. Mit all diesen Wörtern bezeichnen diese Menschen etwas, das für mich so normal, elementar und notwendig ist, wie das Atmen.

Ich liebe das Werk Scheurwaters so sehr, weil sie sich zeigt. Ich liebe immer alles Echte. Ich könnte weinen darüber, so froh macht es mich. Das Echte.

Und jetzt, da ich den letzten Satz meines Blogposts schreibe, erschrecke ich mich, weil ich merke, dass ich die Antwort doch nicht gefunden habe. Gerade wollte ich schreiben:

Ich verstehe nicht, warum Menschen durch Pornographie erregt werden können und etwas Echtes, wie es sich in den Arbeiten Scheurwaters zeigt, ablehnen.

Ich bin also auch verblüfft und ratlos. Aber vielleicht ist genau das ihre Verwunderung. Ich werde sie irgendwann mal fragen und ein schönes Interview mit ihr machen.

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5 Kommentare

  • Avatar
    Reagieren alafarada 21. January 2013 at 18:34

    Ik had nog nooit van haar gehoord, ben meteen haar werk gaan bekijken en ik geloof dat de heftigheid van de reacties op dat werk er vooral mee te maken heeft, dat zij het heft van haar erotiek in eigen handen neemt. Dat genereert een angst of bedreiging die ik op dit moment niet goed kan verklaren, maar die zowel door mannen als door vrouwen gevoeld wordt. In ieder geval zijn religies van die angst voor vrouwen doordrongen en worden deze navenant onderdrukt, dat is iets van alle tijden. Geen Eigen Wil, graag.

  • Asisa
    Reagieren Asisa 22. January 2013 at 14:33

    Ach Alfredo, ik ben er ZO EENS met je! Het is alsof jij opschrijft, wat nog zonder structur en worden in mijn hoofd omheen vliegt. Dankje. Ik laat dat dan ook meteen de kunstenaaresse zien! En van harte bedankt voor het lezen van mijn tekst!

    • Avatar
      Reagieren alafarada 22. January 2013 at 14:51

      Wat aardig dat je reageert! Ik vraag me wel af of Scheurwater ECHT verbaasd is over de reacties op haar werk of dat ze een béétje koketteert; je maakt me niet wijs dat ze niet heel goed over haar kunst heeft nagedacht en de consequenties ongeveer moet hebben overzien. Ik kan haar iig. niet naïef noemen.
      Tschüss
      Alfred

      • Asisa
        Reagieren Asisa 22. January 2013 at 15:29

        If she named it, it wouldn’t be a good thing. She would get attacked even more. Once I name or interpretate a person or a group of person, e.g. their reaction, e.g. peoples’ reaction on Scheurwater’s Œuvre, I’m in trouble. I collaborate with those peoples’ fears and/or other motives. I better leave it open and comment neutrally “Het verbaast me …” It might really surprise her, but I don’t want to dig any further, really. It definitely does stimulate the discussion and that is important. I think that there are many answers. Many reasons for those kind of nasty reactions. I think a very important one is the one you pointed out with “angst”. C’EST COMME TOUJOURS! Angst is the source of all evil.

  • Avatar
    Reagieren alafarada 23. January 2013 at 14:55

    Jeff Koons kwam er indertijd zonder veel ophef mee weg, met zijn erotiek. Frappant.

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